Er schätzt Pressetermine nicht sonderlich. Aber er absolviert sie höchst professionell. Und normalerweise setzt er dann auch sein bekanntes Lächeln auf, das hin und wieder zu einem Grinsen mutiert. Nur gestern Mittag schaute Jürgen Klinsmann etwas verdutzt drein. Denn noch bevor er im Presseraum der Münchner Allianz-Arena mit seinen Ausführungen begann, hatten die Fotografen aus Protest geschlossen den Raum verlassen. Sie waren verärgert, weil es hieß, sie dürfen nur drei Minuten fotografieren, um mit ihrem Blitzlichtgewitter nicht zu stören. Klinsmann sprach also, während draußen die Kameras wieder verstaut wurden.
Seit Montag ist Klinsmann (43) Angestellter des FC Bayern München, des größten und populärsten Fußballvereins Deutschlands. Titel soll er holen, der neue Trainer. Der Mannschaft eine offensive Spielphilosophie geben und sie in den kommenden Jahren sukzessive zurück an die europäische Spitze führen.
So in etwa stellen sie sich das vor beim deutschen Rekordmeister. Klinsmann ist die Hoffnung auf bessere Zeiten. Ob sie kommen, muss sich erst zeigen, denn dass der schwäbische Dickkopf nun federführend ist für die Ausrichtung des Teams, ist auch ein Wagnis des FC Bayern.
Vielleicht wirkt der Neue, der am 11. Januar erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde, deshalb von Anfang an besonders engagiert. Selbst wenn es sich dabei nur um Kleinigkeiten handelt. Statt vor der Kabine parken die Stars des FC Bayern künftig in einer Tiefgarage. Vor der Tür stehen zwei Tischtennisplatten und Rattan-Gartenmöbel, die dank eines Sonnensegels im Schatten stehen. Auf dem Dach des Kabinentrakts ist eine Lounge errichtet, die vier Buddha-Figuren aus weißem Stein zieren. Im Buddhismus, heißt es, soll man aus eigener Kraft die Reinheit und Vollkommenheit des Geistes erreichen. “Wir werden”, hat Klinsmann bei seiner Präsentation am 11. Januar gesagt, “ein Energiefeld aufbauen, das den Spielern viel Spaß machen wird.”
Spaß bei der Arbeit - mit einem Trainer, der zu jener Generation zählt, für die Erfolg planbar ist. Der schon ein Konzept dafür in der Schublade hatte, wie man einen Verein an die europäische Spitze führen kann, noch bevor ihn die Bayern im Dezember 2007 erstmals kontaktierten. Er musste es nur noch auf den FC Bayern umschreiben.
Klinsmann, der Planer. Als er im Sommer 2004 das Amt des Bundestrainers übernahm, wollte er nicht nur mit der deutschen Mannschaft Weltmeister werden. Er wollte auch den Deutschen Fußball-Bund (DFB), den mit 6,5 Mitgliedern weltweit größten Fachverband, verändern. “Im Prinzip”, sagte Klinsmann damals, “muss man den ganzen Laden auseinandernehmen.”
Er warf ein paar Leute raus und ersetzte sie durch Vertraute, machte Oliver Bierhoff zum Manager der Nationalmannschaft sowie Joachim Löw zum Assistenztrainer. Er wagte einen ersten Tabubruch, indem er nicht einen Deutschen zum Chefscout machte, sondern einen Schweizer. Er engagierte einen Fitnesstrainer aus den USA, dessen Arbeit bald verspottet wurde, weil er die Spieler im Training mit grünen Gummibändern die Koordination üben ließ. Den Spielern aber hat das Spaß gemacht, zumal auch sie fanden, dass neue Ideen längst überfällig waren. Ganz zu schweigen davon, dass sie unter Klinsmann endlich nicht mehr mit den Delegierten des Verbandes gemeinsam essen mussten.
Der DFB trug all diese Änderungen mit. Klinsmann hatte die Nationalelf mehr und mehr zu einer eigenen Welt innerhalb des DFB gemacht. Er schuf Unabhängigkeit, löste seine Welt von den langsamen Strukturen. Und formte ein Team, das trotz aller Rückschläge und heftiger Kritik im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 am Ende ein ganzes Land elektrisierte.
Die Mannschaft verdeutlichte, was passieren kann, wenn einer das tut, was die Politik immer nur fordert: Jürgen Klinsmann hat einen Ruck durchs Land gehen lassen und mit dem Mut zum Tabubruch reformiert. Das Land hat sich liebend gern - wie auch unter seinem Nachfolger Joachim Löw in den vergangenen drei Wochen wieder - mitreißen lassen von einer Mannschaft, die versucht hat, ihre Mängel nicht zu verwalten, sondern mit Einsatz und Willen zu beheben. Jürgen Klinsmann stand für das Neue, für eine Generation, die etwas wagt. Selbst Politiker hatten ihre Freude an ihm und zählten plötzlich zu seinen Schulterklopfern. Die Bundeskanzlerin ist mittlerweile ein großer Fan von ihm, beide pflegen einen guten Kontakt.
Nur einer war damals nach der WM in Deutschland nicht zufrieden: Klinsmann. Auf Platz drei zu landen bedeutet, dass zwei andere Mannschaften besser sind. Und so etwas mag der erfolgshungrige Schwabe nicht. Als neuer Trainer des FC Bayern München hat er aber vielleicht noch mehr zu verlieren als zuvor. Möglicherweise muss er diesmal das Schicksal noch mehr bezwingen. Denn wie kaum ein anderer kennt er die Risiken und Nebenwirkungen seiner neuen Aufgabe.
Klinsmann weiß, dass er jetzt einen Job machen muss, den er vorher noch nie gemacht hat. Aber einen wie ihn reizt genau das. Es stört ihn nicht, dass er noch nie einen Verein trainiert hat. Er liebt die Herausforderung. Und die, die ihn engagieren, seinen Tatendrang. Wenn man ihn denn lässt. Ihn, der in seinem Leben immer eigene Wege gegangen ist, schon immer wiss- und lernbegierig war und neue Erfahrungen suchte. Der nach dem Ende seiner Karriere 1998 mit seiner Familie in die USA zog und sich dort der Marketingfirma Soccer Solutions anschloss, die ihm “völlig neue Sichtweisen” eröffnete. Der geprägt ist von seinem vor drei Jahren gestorbenen Vater, einem ehemaligen Bäckermeister, der Klinsmann nicht nur das Backen lehrte, sondern auch das Leben.
Schon als Profi führte Klinsmann eine äußerst ertragreiche Ich-AG. Ob beim VfB Stuttgart, bei Inter Mailand, AS Monaco, Tottenham Hotspur, Bayern München oder Sampdoria Genua - der Italienisch, Englisch und Spanisch sprechende Weltbürger kannte immer seinen Marktwert und ließ sich sogar Stammplatzgarantien in seine Verträge schreiben. “Gegen ihn kann man keinen Krieg gewinnen”, hat einmal der frühere Bundestrainer Berti Vogts über den 108-maligen deutschen Nationalspieler gesagt. Und der Präsident von Tottenham, den er nach nur einem Jahr trotz einer erfolgreichen Saison verließ, meinte hernach, dass er nicht einmal sein Auto mit einem Trikot von Klinsmann waschen würde.
Worte wie diese registriert Klinsmann natürlich. Beeindrucken lässt er sich davon nicht. Und deshalb hat es auch einen gewissen Charme, dass die Verantwortlichen des FC Bayern die Strukturen ihres Vereins nun von einem Mann mitbestimmen lassen, von dem sie sich einst mit einem leidenschaftlichen “nie wieder” getrennt haben und dem sie in seiner Zeit als Bundestrainer das eine oder andere böse Wort hinterherriefen. Sei es, weil Klinsmann die Bundesliga als Bundestrainer mit Aussagen über veraltete Trainingsmethoden und mangelnde Bereitschaft zur Innovation provozierte oder aber, weil er ständig zwischen Deutschland und seiner Wahlheimat USA pendelte. “Der soll hierherkommen und nicht ständig in Kalifornien rumtanzen und uns hier den Scheiß machen lassen”, rief ihm Uli Hoeneß, der Manager, einmal hinterher.
Nun also arbeitet Klinsmann in München. Es ist ein Versuch für das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Die Bayern sind ab sofort ein Traditionsprojekt, und so erwarten Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge von Klinsmann auch, dass er den FC Bayern unter Beibehaltung alter Werte in einen modernen Sportbetrieb umrüstet. Und das stellt er sich offensichtlich so vor wie zu seiner Zeit als Bundestrainer. Als er am Montag erstmals zum Training bat, standen zwölf Spieler auf dem Platz - und acht Betreuer. Darunter Spezialisten aus Brasilien, den USA und Kanada. Jürgen Klinsmann ist bereit für seine neue Aufgabe. “Wir müssen alle Rituale und Gewohnheiten hinterfragen. Und zwar andauernd - nicht nur im Fußball”, lautet sein Credo, “das ist doch nichts Schlimmes. Reform ist kein Prozess, der in Episoden stattfindet. Das Reformieren muss zu einem permanenten Zustand werden.”
Dazu gehört in München wohl auch die Medienarbeit. Nur sollte es gerade dabei nicht ständig zu einem Eklat kommen.